Laurenz Leky inszeniert mit benachteiligten Jugendlichen und jungen Flüchtlingen ein Schauspiel – das Bühnenprojekt „On Stage“ soll ihnen Perspektiven bieten

Laurenz Leky kniet im Zuschauerraum. Der Blick des Regisseurs ruht auf Azeez Adebayo, 28, der auf der Bühne steht und anfängt, zu singen. Adebayo schaut nach unten. Er sieht nachdenklich aus. „Good Azeez, very good!“, Leky verfolgt jede seiner Bewegungen. Dann richtet er sich auf. Der 35-Jährige steht im Werk neun in der ehemaligen Flohmarkthalle der Kultfabrik. Lichtstrahlen fallen durch das schräge Glasdach auf die Bühne, die von roten Vorhängen eingerahmt wird. Lekys kinnlange blonde Haare hängen ihm ins Gesicht. Er trägt ein blau-weiß kariertes Hemd und schwarze Hosen.

Leky inszeniert mit dem Münchner „On Stage Bühnenprojekt“ für benachteiligte Jugendliche und junge Flüchtlinge das Stück „Unsere Münchner Freiheit“. Eine moderne Version der Bremer Stadtmusikanten, angereichert mit den persönlichen Geschichten der sechzehn Teilnehmer. „Vier Protagonisten, die aus einer bedrohlichen Situation ausbrechen, um ihren Platz in der Welt zu finden“, sagt Leky – so wie die überwiegend westafrikanischen Flüchtlinge, die im Moment hier proben. Die Konfliktsituationen stammen aus dem Leben der Teilnehmer. „Die sind alle irgendwo aufgebrochen, um ein besseres Leben zu finden“, sagt Leky.

Auch der Regisseur ist aufgebrochen. Aus dem klassischen Theater zum Stehgreiftheater im Kongo, weil er Sehnsucht nach der Welt hatte, wie er sagt. „Man spielt immer große Abenteuer, aber man erlebt sie nicht selbst. Denn Theater, sagt Leky, sei auch oft Kunst um der Kunst willen. „Was mir gefehlt hat, war die Welt.“

Nach seinem Schauspiel-Studium am Mozarteum in Salzburg hat Leky neun Jahre in Stadttheatern gespielt, zuletzt in Osnabrück.Nachdem er 2011 in England einen Master in „Conflict Resolution“ abgeschlossen hat, ist er nach Afrika gegangen. Dort habe er sofort etwas gespürt: „Da war eine besondere Verbindung da. Und ich habe unheimlich viel gelernt: wie sie an einer stark befahrenen Straße es geschafft haben, das Publikum zu fesseln und deren Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Drei Monate lang hat Leky für eine amerikanische Non-Profit-Organisation im Kriegsgebiet unterrichtet, in Goma, im Ostkongo: Theater als Mittel zur Konfliktlösung. Die Stadt wurde im November 2012 von Rebellen eingenommen.

   Über einen Theater-Kollegen ist Leky dann zu „On Stage“ gekommen. Seit Ende März 2013 arbeitet er hier als Regisseur und künstlerischer Leiter, „Unsere Münchner Freiheit“ ist sein erstes Stück mit Flüchtlingen, bei der Probe schaut seine Freundin zu. Viele der Flüchtlinge würden unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. „Wir hatten Leute, die sich eigentlich nur an der Wand entlang gedrückt haben, wenn sie in die Halle kamen“, sagt Leky. Gespräche mit einer Theaterpädagogin hätten ihnen aber helfen können. Das Projekt arbeitet außerdem mit Gestaltungstherapeuten zusammen, vermittelt medizinische Hilfe und unterstützt bei der Ausbildungsplatzsuche. „Wenn man sich vorstellt, man ist in einem ganz fremden Land, dann helfen wir beim Orientieren“, sagt Projektleiterin Kirsten Piëch, 51. Die Bühnenarbeit soll den Teilnehmern helfen, ihr Leben zu stabilisieren, und ihnen berufliche und private Perspektiven bieten.

Der Bayrische Flüchtlingsrat hält Projekte, bei denen Flüchtlinge in Kontakt mit Deutschen kommen, für sehr begrüßenswert. „Der einzige Weg für sie aus den Lagern rauszukommen, ist die Arbeit mit Ehrenamtlichen. Bei Flüchtlingen wird oft nicht auf ihre Stärken geschaut, sondern nur auf ihre Schwächen. Sie werden nicht als Menschen gesehen, sondern oft nur als Opfer ihrer Flucht “, sagt Flüchtlingsrat-Sprecher Tobias Klaus. „Wenn wir solche Projekte nicht hätten, müssten wir mit den Konsequenzen leben: sprachliche Schwierigkeiten, oder psychische Erkrankungen bei den Flüchtlingen.“

Als ein Schauspieler zu spät zur Probe kommt, verliert Leky kein Wort darüber, er sagt nur: „Toll, dass du da bist, geh schnell auf die Bühne.“ Unordnung ist er gewohnt. Einige der Teilnehmer wurden spontan in Asylbewerberheimen in Rosenheim oder Pfaffenhofen untergebracht und können nur noch bis zur Aufführung mitmachen, weil das Projekt nur bis dahin die Fahrtkosten übernehmen kann. „Wir sind praktisch die einzigen Strukturen, die sie in ihrem Leben haben – diese zwei Proben in der Woche“, sagt Leky. Denn der Alltag der Flüchtlinge ist geprägt von Behördengängen und Langeweile. „Das sind junge Männer in der Blüte ihrer Jahre, die sitzen in ihren Wohnheimen, warten auf ihren Asylantrag und werden wahnsinnig, weil sie nichts tun können.“ Azeez Adebayo, der den Esel spielt, ist im Mai 2012 von Lagos nach Deutschland gekommen „Weil ich Probleme in meiner Community hatte“, mehr will Adebayo nicht erzählen. Jetzt lebt er im Asylbewerberheim in Englschalking. Er liebt es zu singen und zu tanzen, gerne würde er auch professionell auf der Bühne stehen. „Es inspiriert mich und lässt mich viel über mich selbst herausfinden“, sagt er auf Englisch. Sein Ziel ist es, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. „Ohne die bleibt mir vieles verschlossen, sie ist der Schlüssel zu allem“, sagt der Afrikaner.

Was alle Teilnehmer des Projekts gemeinsam hätten, sei eine unglaubliche Offenheit und Energie, sagt Leky. Als außergewöhnlich empfindet er außerdem das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe, das sogar die Grenzen von ethnischen Konflikten überschreiten würde. „Es gibt Leute, die verschiedenen Volksgruppen angehören, die in ihrem Heimatland Nigeria im Konflikt miteinander stehen, aber das spielt hier keine Rolle.“ Auch Neid bezüglich Haupt- oder Nebenrollen existiert nicht. „Da habe ich das Gefühl, dass sie eine sozialere Gemeinschaft haben als wir. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass sie hier alle in einer ähnlichen Situation zusammentreffen und solche Erfahrungen zusammenschweißen“, sagt Leky.

Nach der Aufführung bleibt „On Stage“ den Flüchtlingen als Anlaufstelle erhalten. „Wir können hier ein Angebot machen und unterstützen, aber wir wollen sie nicht in eine Abhängigkeit bringen – wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe.“ Notfalls hilft Leky auch bei der Jobsuche.

Dass er mit theaterfremden Menschen zusammenarbeitet, schätzt Leky besonders. „Hier merke ich, welche Entwicklungen die Arbeit bei ihnen auslöst.“ Oftmals sei der Behördenkontakt der einzige, den die Flüchtlinge zu Deutschland hätten. „Diese Erfahrung, auf der Bühne zu stehen, und da unten sitzen Leute und gucken zu ihnen auf und applaudieren, was das für sie bedeutet“, sagt Leky.

Im Kongo hat er gemerkt, wie fragil eine Demokratie sein kann. „Alles, was wir für selbstverständlich halten, ist eben nicht selbstverständlich. Wir können das auch schnell verlieren.“ Nach der Zeit im Kongo sei ihm klar geworden, dass er seiner Heimatgesellschaft einen Dienst leisten möchte. Die Arbeit mit den Flüchtlinge sei sein Weg, das zu tun, sagt Leky und fügt hinzu: „Im Theater hat man häufig das Gefühl: Wo ist die Realität eigentlich hin? Ich spiele das Leben, aber das Leben selbst ist eigentlich an mir vorbei gegangen. Hier fühle ich mich bis zum Scheitel im Leben. Krasse Geschichten, schreckliche Geschichten, wunderschöne Geschichten – aber wirklich das pure Leben.“