{"id":206,"date":"2013-02-24T20:06:20","date_gmt":"2013-02-24T18:06:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sophiamuender.de\/?p=206"},"modified":"2013-12-30T01:19:53","modified_gmt":"2013-12-29T23:19:53","slug":"backstreet-boys-und-der-scheis-haben-mir-nichts-gebracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sophiamuender.de\/?p=206","title":{"rendered":"&#8222;Backstreet Boys und der Schei\u00df haben mir nichts gebracht!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>[nggallery id=4]<\/p>\n<p><b>Am Wochenende jagen wir auf dem Flohmarkt Vintage Sachen hinterher und anschlie\u00dfend h\u00f6ren wir <i>Die Drei Fragezeichen<\/i> zur Entspannung. Unsere Lebensmittel kaufen wir am liebsten im \u201eTante Emma Laden\u201c. Das hat mehr Charme. \u00a0In der U-Bahn spielen wir mit unserem Gameboy und in den Sommern\u00e4chten geht\u2019s mit einem UKW-Empf\u00e4nger ins Autokino. Was steckt hinter der \u201eRetro-Welle\u201c?<\/b><\/p>\n<p>Vor einer Tankstelle aus den 50er Jahren tummelt sich eine Gruppe von Youngstern: Die Jungs tragen Dreiviertel-Hosen mit Unterhemd und Hosentr\u00e4gern und dazu Elvis-Koteletten. Das M\u00e4dchen tr\u00e4gt einen Jeansrock, rote Ballerinas und dazu ein farblich passendes Haarband. Wenn man nicht genau w\u00fcsste, dass man sich im Jahr 2012 befindet, k\u00f6nnte man auch denken, man h\u00e4tte eine Zeitreise ins goldene Zeitalter des Rock &#8217;n&#8216; Roll gemacht.<\/p>\n<p>\u201eDie meisten unserer Tage sind damit gef\u00fcllt, Aktivit\u00e4ten gef\u00fcllt, die nicht besonders wichtig sind. Einkaufen, zur Arbeit fahren, und so weiter. Nostalgie ist ein Weg f\u00fcr uns, in vergangene Erlebnisse einzutauchen, die f\u00fcr uns eine gro\u00dfe Bedeutung haben und uns daran erinnern, dass unser Leben lebenswert ist.\u201c, sagt der Sozialpsychologe <i>Clay Routledge<\/i> von der North Dakota University .<\/p>\n<p>Die \u201eGro\u00dftankstelle Brandshof\u201cvon 1953 in Hamburg zieht jedes Wochenende Hunderte Nostalgiker mit ihren Oldtimern an oder eben echte Rock n\u00b4 Roll-Fans. Jan de Boer und Alex Piatschek haben sie entdeckt und restauriert und daf\u00fcr den \u201eFassadenpreis\u201c der Stadt Hamburg bekommen. Im \u201eErfrischungsraum\u201c wird man von Franzi im 50s Look bedient. Von der Kaffeekanne bis zur Blumenvase ist hier alles aus den 50er-Jahren. Fast 7000 Menschen \u201egef\u00e4llt das\u201c bei Facebook.<\/p>\n<p>Nostalgie kommt aus dem Griechischen, von den W\u00f6rtern \u201eNostos\u201c und \u201eAlgos\u201c. Das Erste bedeutet R\u00fcckkehr, Letzteres steht f\u00fcr Leiden,\u00a0Schmerz. Mit Nostalgie wurde fr\u00fcher ein krankmachendes Heimweh bezeichnet. Heute versteht man darunter eine wehm\u00fctige Hinwendung zu vergangenen Zeiten.<\/p>\n<p><b>\u201eWenn ich gro\u00df bin, will ich \u00b4nen Cadillac\u201c<\/b><\/p>\n<p>Es ist Sonntag Nachmittag. \u201eRoland der Rentner\u201c hat seinen drei Meter langen Cadillac Coupe de Ville von 1960 auf das Tankstellengel\u00e4nde gefahren. Sichtlich stolz thront er in einem Klappstuhl vor dem lilafarbenen Geschoss. Er hat eine Glatze, einen grauen Bart und tr\u00e4gt ein wild gemustertes Hemd. \u201eIch habe fr\u00fcher viele solche Autos gesehen. Ich dachte immer: Wenn ich gro\u00df bin, will ich nen Cadillac.\u201c Vor 16 Jahren hat der 63-J\u00e4hrige das Auto aus Arizona importieren und in Hamburg restaurieren lassen. Die Sto\u00dfstange wurde in Mexiko verchromt. Die Innenverkleidung stammt aus Schweden. Sein Kumpel Ronny, der daneben sitzt, ist traurig, dass sein Oldtimer in der Garage stehen muss: \u201eAls Normalverdiener ist das ein hartes St\u00fcck Arbeit: Ein Kilometer kostet zwischen f\u00fcnf und zehn Euro. Lohnen tut es sich nicht, aber es macht Spa\u00df.\u201c<\/p>\n<p><b><\/b><b>\u201eRock &#8217;n&#8216; Roller picken sich nur die sch\u00f6nen Seiten aus der vergangenen Zeit heraus\u201c<\/b><\/p>\n<p>Die Sozialpsychologin <em>Susanne El-Nawab<\/em> schreibt in ihrem Buch \u201eRockablities &#8211; Rock &#8217;n&#8216; Roller &#8211; Psychobillies \u2013 Portrait einer Subkultur\u201c :<\/p>\n<p>\u201eDie meisten Rock &#8217;n&#8216; Roller sagen, dass sie nicht wirklich gerne in den 50er Jahren gelebt h\u00e4tten, weil sie die Freiheiten der heutigen Gesellschaft nicht missen m\u00f6chten. Sie wissen, dass sie sich Bild von der Vergangenheit malen, indem sie sich nur die sch\u00f6nen Seiten dieser Zeit herausspicken. Aber das st\u00f6rt sie nicht, weil sie dort eine stilistische Epoche sehen, die ihrem Geschmack entspricht und in der noch andere Werte z\u00e4hlten.\u201c<\/p>\n<p><b>\u201eBei Elvis und Konsorten, da ging\u2019s noch richtig ab!\u201c<\/b><\/p>\n<p>Um mit anderen Gleichgesinnten in auf der Tankstelle in \u201eAlten Zeiten\u201c\u00a0 zu schwelgen, ist der 38-j\u00e4hrige Frank Jankowsky extra drei Stunden aus Diebholz angefahren. F\u00fcr die passende Umgebung und das \u201ePerfekte Auto\u201c scheuen Oldtimer-Liebhaber keine Kosten und Wege. Thomas Faerber hat seinen roten Nash Metropolitan von 1960 vor sieben Jahren in Florida gekauft und dann verschiffen lassen. \u201eDie haben noch gelebt. Eine Art Aufbruchstimmung. Bei Elvis und Konsorten, da ging\u2019s noch richtig ab!\u201c, schw\u00e4rmt er.<\/p>\n<p>Nostalgikern wird auch vorgeworfen, aus der Gegenwart zu fliehen. Aber Rock &#8217;n&#8216; Roller h\u00e4ngen nicht einfach nur einer vergangen Epoche hinterher: Der ZEIT-Journalist <em>Paul Berg<\/em> schreibt in seinem Artikel: \u201eWer sind die Tollen-Leute?\u201c:<\/p>\n<p>\u201eAnfang der 50er Jahre kurz vor Elvis und lange vor den Beatles wurde mit dem Rockabilly all das erfunden, was wir heute unter Popkultur verstehen. Das verleiht den Leuten, die dieser \u00c4ra heute noch anh\u00e4ngen, einen gewissen Sonderstatus. Sie k\u00f6nnen mit Recht behaupten, nicht irgendeinem beliebigen Retro-Trend anheim gefallen zu sein: Sie huldigen immerhin dem Urknall der Popmusik.\u201c<\/p>\n<p>Auch Timo und Jessica kommen regelm\u00e4\u00dfig zur Oldtimertankstelle. Ihr Rock &#8217;n&#8216; Roll-Look steht dem der kleinen Gruppe in nichts nach: Timos Haare sind zur\u00fcck gegelt, er tr\u00e4gt Dreiviertel-Jeanshosen. \u201eMir gefallen vor allem die Formen, Farben und die Musik der 50er. Heutzutage sehen die Autos ja alle gleich aus\u201c sagt Timo. Jessica tr\u00e4gt einen kurzen Jeans-Rock, ihre F\u00fc\u00dfe stecken in ampelroten Stoffschuhen. Um ihre rotgef\u00e4rbten Haare hat sie ein Tuch im Leoparden-Look gewickelt. \u201eAls ich j\u00fcnger war hat mich das Buddy-Holly-Musical fasziniert. Backstreet Boys und der Schei\u00df haben mir nichts gebracht.\u201c, erz\u00e4hlt Jessica, die regelm\u00e4\u00dfig Rock &#8217;n&#8216; Roll tanzt. Ihr Lieblingsinterpret: Si Cranston.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher dachte man, dass das Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen einen krankhaften Charakter h\u00e4tte. Aber Professor <em>Routledge<\/em> sieht das heute anders:\u00a0Nostalgische Gedanken sind universell verbreitet. Sie geben unserem Leben im Hier und Jetzt Bedeutung. Wenn es uns nicht gut geht, dann sehnen wir uns nach den \u201eGuten alten Zeiten\u201c -egal wo auf der Welt wir leben.\u201c<\/p>\n<p>Nostalgiker werten mit ihren regelm\u00e4\u00dfigen Zeitreisen ihre Freizeit auf, aber k\u00f6nnen trotzdem die Routine des Alltags bew\u00e4ltigen. Und sie gehen meistens l\u00e4ssig und selbstironisch mit ihrem Retro-Faible um. Ein bisschen Tagtr\u00e4umerei kann also nicht schaden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum wir vergangene Zeiten wieder aufleben lassen<\/p>\n<p>Am Wochenende jagen wir auf dem Flohmarkt Vintage Sachen hinterher und anschlie\u00dfend h\u00f6ren wir Die Drei Fragezeichen zur Entspannung. Unsere Lebensmittel kaufen wir am liebsten im \u201eTante Emma Laden\u201c. Das hat mehr Charme.  In der U-Bahn spielen wir mit unserem Gameboy und in den Sommern\u00e4chten geht\u2019s mit einem UKW-Empf\u00e4nger ins Autokino. Was steckt hinter der \u201eRetro-Welle\u201c?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":213,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-206","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-print"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=206"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/206\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":311,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/206\/revisions\/311"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/213"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}