{"id":220,"date":"2013-02-26T22:13:39","date_gmt":"2013-02-26T20:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sophiamuender.de\/?p=220"},"modified":"2013-12-30T01:19:22","modified_gmt":"2013-12-29T23:19:22","slug":"phantomschmerz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sophiamuender.de\/?p=220","title":{"rendered":"Phantomschmerz \u2013 Leben in der Illegalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><b>Phantomschmerz<\/b><\/p>\n<p><b>Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung wollen um jeden Preis unentdeckt bleiben \u2013 \u00a0aber ein \u00dcberleben ist nur mit fremder Hilfe m\u00f6glich, erst Recht, wenn sie krank sind<\/b><\/p>\n<p><b><\/b><b>100 000 Menschen leben illegal in Deutschland, davon 20 000 in Hamburg. Diese Menschen haben nicht nur keine Papiere, sondern auch keine Krankenversicherung. Eine Reportage \u00fcber Menschen, die Hilfe brauchen und \u00fcber Jemanden, der hilft.<\/b><\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer, schlanker Mann \u00f6ffnet die T\u00fcr. Er tr\u00e4gt ein dunkelgr\u00fcnes gestreiftes Hemd mit kurzen \u00c4rmeln und hat kurze, graue Haare. Er tr\u00e4gt ein Namensschild mit der Aufschrift \u201eDr. Detlev Niebuhr\u201c. Niebuhr ist Internist, was er hier im Hamburger Marienkrankenhaus tut, ist ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Alle drei Wochen, Dienstag vormittags, sitzt der Rentner in dem 12 Quadratmeter-Zimmer und behandelt hier ehrenamtlich Menschen, die krank sind und keine Versicherung haben, da sie sich ohne Papiere in Deutschland aufhalten. Der 67-j\u00e4hrige h\u00e4lt im Wechsel mit seinen beiden Kollegen die Malteser Migranten Nothilfe-Sprechstunde ab.<\/p>\n<p>Ein Klopfen ist zu h\u00f6ren, dann betritt Sakou Bemba* das Zimmer. Dr. Niebuhr l\u00e4chelt ihn an und sch\u00fcttelt ihm die Hand, \u201eHow are you?\u201c, fragt er den Liberianer, der schon oft hier war. Der Schwarze erkl\u00e4rt auf Englisch, dass er an Herzrasen leide, au\u00dferdem habe er \u00f6fters ein Flimmern vor den Augen. Der Liberianer tr\u00e4gt Leder-Latschen, aus denen seine Zehen vorne herausgucken und einen abgewetzten hellblauen Rucksack auf dem R\u00fccken. Der Mediziner bittet ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, dann verschwindet er f\u00fcr einen kurzen Moment in dem kleinen Behandlungsraum, der an das Zimmer angrenzt und kommt mit einem Blutdruck-Messger\u00e4t zur\u00fcck. Er legt es dem Patienten um den Arm. Es misst 200 zu 140. Ein horrend hoher Wert.<\/p>\n<p><b>\u201eSein Patient hat einen so hohen Blutdruck, dass er auf keinen Fall transportf\u00e4hig ist\u201c<\/b><\/p>\n<p>\u201eWie viel haben Sie noch von Ihren Medikamenten? Sie d\u00fcrfen nicht vergessen, sie regelm\u00e4\u00dfig zu nehmen!\u201c, sagt der Doktor. Sakou Bemba \u00f6ffnet seinen Rucksack und zieht einen zerknitterten Zettel heraus.\u00a0Auf dem Papier hat Niebuhr seinem Patienten genauestens notiert, wie viel dieser von welchem Medikament einzunehmen hat. \u201eHaben Sie mit Ihrem Anwalt gesprochen?\u201c, fragt der Mediziner interessiert und korrigiert die Angaben auf dem Zettel. \u201eYes. I got a Duldung\u201c, antwortet sein Patient. Niebuhr nickt zufrieden. Der Liberianer hat einen so hohen Blutdruck, dass er auf keinen Fall transportf\u00e4hig ist. Das hat auch der Doktor von der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde festgestellt, der die Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung untersucht, bevor\u00a0 sie abgeschoben werden sollen. Darauf hat der Arzt gehofft, die Gesetze kennt er ganz genau. Nun hat Sakou Bemba eine Duldung. \u201eIm Falle einer Duldung stehen einem Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu\u201c, erkl\u00e4rt der Mediziner. In drei Wochen wird der Liberianer wiederkommen, damit Niebuhr seine Werte korrigiert.<\/p>\n<p>Seit drei Jahren arbeitet Dr. Niebuhr hier. Seitdem ist er im Ruhestand. Im Deutschlandfunk hat er einen Beitrag \u00fcber die Einrichtung geh\u00f6rt und hat gleich gedacht: \u201eHier kann ich was Sinnvolles f\u00fcr die Leute tun. Medizinisch-wissenschaftlich ist es nicht sehr anspruchsvoll, aber ich empfinde es als sehr wichtig und angenehm.\u201c , sagt der Arzt, der seine Praxis fr\u00fcher in Elmshorn hatte.<\/p>\n<p>Nach Niebuhrs Einsch\u00e4tzung kommen die meisten Menschen aus Schwarzafrika. \u201eSobald das Visum abgelaufen ist, und es nicht verl\u00e4ngert worden ist, sind die Menschen illegal hier.\u201c,,sagt er. \u201eDie Menschen sollen wissen, dass sie ohne Angst hierher kommen k\u00f6nnen\u201c betont der Arzt. Es klopft wieder an der T\u00fcr. Dann kommt ein \u00a0sportlich gebauter, junger Mann mit kurz geschorenen Haaren durch die T\u00fcr. Er sieht v\u00f6llig gesund aus. \u201eCa va?\u201c, begr\u00fc\u00dft ihn der Arzt.<\/p>\n<p><b>\u201eDie Kosten f\u00fcr den Zahnersatz \u00fcbernimmt das Amt aber nicht. Er kann ja noch essen, wenn auch nur Brei \u201c<\/b><\/p>\n<p>Die beiden unterhalten sich auf Franz\u00f6sisch. Dem Algerier mussten mehrere Z\u00e4hne gezogen werden. Die Z\u00e4hne wurden ihm von einer Zahn\u00e4rztin umsonst gezogen. Die 1000 Euro, die nun f\u00fcr den Zahnersatz f\u00e4llig sind, \u00fcbernimmt sie aber nicht. Die Malteser kommen in der Regel f\u00fcr die H\u00e4lfte der Behandlungskosten auf, die andere H\u00e4lfte muss der Patient selbst aufbringen. Im lebensbedrohlichen Notfall tritt das Sozialamt als Kostentr\u00e4ger ein. Die Kosten f\u00fcr den Zahnersatz des Algeriers \u00fcbernimmt das Sozialamt aber nicht. Er kann ja noch essen, wenn auch nur Brei.<\/p>\n<p><b>\u201eWenn sie keinen Namen sagen wollen, dann k\u00f6nnen sie irgendeinen Namen nennen \u201c<\/b><\/p>\n<p>\u201eDie meisten Menschen, die hierher kommen, sind sehr dankbar. Aber bei dem Einen dachte ich \u201eDu Schlitzohr du, du ziehst mich hier \u00fcbern Tisch! Klimper hier und Klimper da. Und dann hat der auch noch mit einem I Phone in der Hand herumgewedelt!\u201c, erz\u00e4hlt Dr. Niebuhr. Die Patienten k\u00f6nnen anonym bleiben. Wenn sie keinen Namen nennen wollen, dann k\u00f6nnen sie irgendeinen Namen nennen. F\u00fcr die Kartei.<\/p>\n<p>In seiner Freizeit joggt und wandert der Arzt. \u201eDie Illegalen leiden unter einem enormen Stress, aber es geht ihnen hier besser, als in ihren Heimatl\u00e4ndern\u201c, so der Arzt.\u00a0Und in drei Wochen wird der wieder hier sitzen und ihnen die T\u00fcr \u00f6ffnen, weil er helfen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung wollen um jeden Preis unentdeckt bleiben, aber ein \u00dcberleben ist nur mit fremder Hilfe m\u00f6glich, erst Recht, wenn sie krank sind&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":222,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-220","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-print"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=220"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":308,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/220\/revisions\/308"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/222"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}