{"id":387,"date":"2013-07-24T11:12:25","date_gmt":"2013-07-24T10:12:25","guid":{"rendered":"http:\/\/sophiamuender.de\/?p=387"},"modified":"2014-09-17T21:24:57","modified_gmt":"2014-09-17T20:24:57","slug":"ein-stueck-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sophiamuender.de\/?p=387","title":{"rendered":"Ein St\u00fcck Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p>Laurenz Leky inszeniert mit benachteiligten Jugendlichen und jungen Fl\u00fcchtlingen ein Schauspiel \u2013 das B\u00fchnenprojekt \u201eOn Stage\u201c soll ihnen Perspektiven bieten<\/p>\n<p>Laurenz Leky kniet im Zuschauerraum. Der Blick des Regisseurs ruht auf Azeez Adebayo, 28, der auf der B\u00fchne steht und anf\u00e4ngt, zu singen. Adebayo schaut nach unten. Er sieht nachdenklich aus. \u201eGood Azeez, very good!\u201c, Leky verfolgt jede seiner Bewegungen. Dann richtet er sich auf. Der 35-J\u00e4hrige steht im Werk neun in der ehemaligen Flohmarkthalle der Kultfabrik. Lichtstrahlen fallen durch das schr\u00e4ge Glasdach auf die B\u00fchne, die von roten Vorh\u00e4ngen eingerahmt wird. Lekys kinnlange blonde Haare h\u00e4ngen ihm ins Gesicht. Er tr\u00e4gt ein\u00a0blau-wei\u00df kariertes Hemd und schwarze Hosen.<\/p>\n<p>Leky inszeniert mit dem M\u00fcnchner \u201eOn Stage B\u00fchnenprojekt\u201c f\u00fcr benachteiligte Jugendliche und junge Fl\u00fcchtlinge das St\u00fcck\u00a0\u201eUnsere M\u00fcnchner Freiheit\u201c. Eine moderne Version der Bremer Stadtmusikanten, angereichert mit den pers\u00f6nlichen Geschichten der sechzehn Teilnehmer. \u201eVier Protagonisten, die aus einer bedrohlichen Situation ausbrechen, um ihren Platz in der Welt zu finden\u201c, sagt Leky \u2013 so wie die \u00fcberwiegend westafrikanischen Fl\u00fcchtlinge, die im Moment hier proben. Die Konfliktsituationen stammen aus dem Leben der Teilnehmer. \u201eDie sind alle irgendwo aufgebrochen, um ein\u00a0besseres Leben zu finden\u201c, sagt Leky.<\/p>\n<p>Auch der Regisseur ist aufgebrochen. Aus dem klassischen Theater zum Stehgreiftheater im Kongo, weil er Sehnsucht nach der Welt hatte, wie er sagt. \u201eMan spielt immer gro\u00dfe Abenteuer, aber man erlebt sie nicht selbst. Denn Theater, sagt Leky, sei auch oft Kunst um der Kunst willen. \u201eWas mir gefehlt hat, war die Welt.\u201c<\/p>\n<p>Nach seinem Schauspiel-Studium am Mozarteum in Salzburg hat Leky neun Jahre in Stadttheatern gespielt, zuletzt in Osnabr\u00fcck.Nachdem er 2011 in England einen Master in \u201eConflict Resolution\u201c abgeschlossen hat, ist er nach Afrika gegangen. Dort habe er sofort etwas gesp\u00fcrt: \u201eDa war eine besondere Verbindung da. Und ich habe unheimlich viel gelernt: wie sie an einer stark befahrenen Stra\u00dfe es geschafft haben, das Publikum zu fesseln und deren Aufmerksamkeit zu bekommen.\u201c Drei Monate lang hat Leky f\u00fcr eine amerikanische Non-Profit-Organisation im Kriegsgebiet unterrichtet, in Goma, im Ostkongo: Theater als Mittel zur Konfliktl\u00f6sung. Die Stadt wurde im November 2012 von Rebellen eingenommen.<\/p>\n<p><b>\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>\u00dcber einen Theater-Kollegen ist Leky dann zu \u201eOn Stage\u201c gekommen. Seit Ende M\u00e4rz 2013 arbeitet er hier als Regisseur und k\u00fcnstlerischer Leiter, \u201eUnsere M\u00fcnchner Freiheit\u201c ist sein erstes St\u00fcck\u00a0mit Fl\u00fcchtlingen, bei der Probe schaut seine Freundin zu. Viele der Fl\u00fcchtlinge w\u00fcrden unter posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen leiden. \u201eWir hatten Leute, die sich eigentlich nur an der Wand entlang gedr\u00fcckt haben, wenn sie in die Halle kamen\u201c, sagt Leky. Gespr\u00e4che mit einer Theaterp\u00e4dagogin h\u00e4tten ihnen aber helfen k\u00f6nnen. Das Projekt arbeitet au\u00dferdem mit Gestaltungstherapeuten zusammen, vermittelt medizinische Hilfe und unterst\u00fctzt bei der Ausbildungsplatzsuche. \u201eWenn man sich vorstellt, man ist in einem ganz fremden Land, dann helfen wir beim Orientieren\u201c, sagt Projektleiterin Kirsten Pi\u00ebch, 51. Die B\u00fchnenarbeit soll den Teilnehmern helfen, ihr Leben zu stabilisieren, und ihnen berufliche und private Perspektiven bieten.<\/p>\n<p>Der Bayrische Fl\u00fcchtlingsrat h\u00e4lt Projekte, bei denen Fl\u00fcchtlinge in Kontakt mit Deutschen kommen, f\u00fcr sehr begr\u00fc\u00dfenswert. \u201eDer einzige Weg f\u00fcr sie aus den Lagern rauszukommen, ist die Arbeit mit Ehrenamtlichen. Bei Fl\u00fcchtlingen wird oft nicht auf ihre St\u00e4rken geschaut, sondern nur auf ihre Schw\u00e4chen. Sie werden nicht als Menschen gesehen, sondern oft nur als Opfer ihrer Flucht \u201c, sagt Fl\u00fcchtlingsrat-Sprecher Tobias Klaus. \u201eWenn wir solche Projekte nicht h\u00e4tten, m\u00fcssten wir mit den Konsequenzen leben: sprachliche Schwierigkeiten, oder psychische Erkrankungen bei den Fl\u00fcchtlingen.\u201c<\/p>\n<p>Als ein\u00a0Schauspieler zu sp\u00e4t zur Probe kommt, verliert Leky kein Wort dar\u00fcber, er sagt nur: \u201eToll, dass du da bist, geh schnell auf die B\u00fchne.\u201c Unordnung ist er gewohnt. Einige der Teilnehmer wurden spontan in Asylbewerberheimen in Rosenheim oder Pfaffenhofen untergebracht und k\u00f6nnen nur noch bis zur Auff\u00fchrung mitmachen, weil das Projekt nur bis dahin die Fahrtkosten \u00fcbernehmen kann. \u201eWir sind praktisch die einzigen Strukturen, die sie in ihrem Leben haben \u2013 diese zwei Proben in der Woche\u201c, sagt Leky. Denn der Alltag der Fl\u00fcchtlinge ist gepr\u00e4gt von Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen und Langeweile. \u201eDas sind junge M\u00e4nner in der Bl\u00fcte ihrer Jahre, die sitzen in ihren Wohnheimen, warten auf ihren Asylantrag und werden wahnsinnig, weil sie nichts tun k\u00f6nnen.\u201c Azeez Adebayo, der den Esel spielt, ist im Mai 2012 von Lagos nach Deutschland gekommen\u00a0<b>.\u00a0<\/b>\u201eWeil ich Probleme in meiner Community hatte\u201c, mehr will Adebayo nicht erz\u00e4hlen. Jetzt lebt er im Asylbewerberheim in Englschalking. Er liebt es zu singen und zu tanzen, gerne w\u00fcrde er auch professionell auf der B\u00fchne stehen. \u201eEs inspiriert mich und l\u00e4sst mich viel \u00fcber mich selbst herausfinden\u201c, sagt er auf Englisch. Sein Ziel ist es, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. \u201eOhne die bleibt mir vieles verschlossen, sie ist der Schl\u00fcssel zu allem\u201c, sagt der Afrikaner.<\/p>\n<p>Was alle Teilnehmer des Projekts gemeinsam h\u00e4tten, sei eine unglaubliche Offenheit und Energie, sagt Leky. Als au\u00dfergew\u00f6hnlich empfindet er au\u00dferdem das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl der Gruppe, das sogar die Grenzen von ethnischen Konflikten \u00fcberschreiten w\u00fcrde. \u201eEs gibt Leute, die verschiedenen Volksgruppen angeh\u00f6ren, die in ihrem Heimatland Nigeria im Konflikt miteinander stehen, aber das spielt hier keine Rolle.\u201c Auch Neid bez\u00fcglich Haupt- oder Nebenrollen existiert nicht. \u201eDa habe ich das Gef\u00fchl, dass sie eine sozialere Gemeinschaft haben als wir. Das kann aber auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass sie hier alle in einer \u00e4hnlichen Situation zusammentreffen und solche Erfahrungen zusammenschwei\u00dfen\u201c, sagt Leky.<\/p>\n<p>Nach der Auff\u00fchrung bleibt \u201eOn Stage\u201c den Fl\u00fcchtlingen als Anlaufstelle erhalten. \u201eWir k\u00f6nnen hier ein\u00a0Angebot machen und unterst\u00fctzen, aber wir wollen sie nicht in eine Abh\u00e4ngigkeit bringen \u2013 wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe.\u201c Notfalls hilft Leky auch bei der Jobsuche.<\/p>\n<p>Dass er mit theaterfremden Menschen zusammenarbeitet, sch\u00e4tzt Leky besonders. \u201eHier merke ich, welche Entwicklungen die Arbeit bei ihnen ausl\u00f6st.\u201c Oftmals sei der Beh\u00f6rdenkontakt der einzige, den die Fl\u00fcchtlinge zu Deutschland h\u00e4tten. \u201eDiese Erfahrung, auf der B\u00fchne zu stehen, und da unten sitzen Leute und gucken zu ihnen auf und applaudieren, was das f\u00fcr sie bedeutet\u201c, sagt Leky.<\/p>\n<p>Im Kongo hat er gemerkt, wie fragil eine Demokratie sein kann. \u201eAlles, was wir f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten, ist eben nicht selbstverst\u00e4ndlich. Wir k\u00f6nnen das auch schnell verlieren.\u201c Nach der Zeit im Kongo sei ihm klar geworden, dass er seiner Heimatgesellschaft einen Dienst leisten m\u00f6chte. Die Arbeit mit den Fl\u00fcchtlinge sei sein Weg, das zu tun, sagt Leky und f\u00fcgt hinzu: \u201eIm Theater hat man h\u00e4ufig das Gef\u00fchl: Wo ist die Realit\u00e4t eigentlich hin? Ich spiele das Leben, aber das Leben selbst ist eigentlich an mir vorbei gegangen. Hier f\u00fchle ich mich bis zum Scheitel im Leben. Krasse Geschichten, schreckliche Geschichten, wundersch\u00f6ne Geschichten \u2013 aber wirklich das pure Leben.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laurenz Leky inszeniert mit benachteiligten Jugendlichen und jungen Fl\u00fcchtlingen ein Schauspiel \u2013 das B\u00fchnenprojekt \u201eOn Stage\u201c soll ihnen Perspektiven bieten<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":389,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[25,24,27,33,63,26],"class_list":["post-387","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-print","tag-fluechtlinge","tag-laurenz-leky","tag-muenchen","tag-sophia-muender","tag-sueddeutsche-zeitung","tag-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/387","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=387"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":390,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/387\/revisions\/390"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sophiamuender.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}