Er ist Maler, Musiker und Modeschöpfer –
gibt es auch etwas, was er nicht kann?

„Willkommen, willkommen“, flötet er und breitet seine Arme aus. Noah Wunsch steht vor dem Eingang seiner Galerie am Hamburger Baumwall.
Wunsch ist ein großer Mann. Fast zwei Meter. Er trägt einen elegant geschnittenen schwarzen Anzug mit einem azurblauen Hemd. Er ist so lächelt, tänzelt und singt so totally relaxed, als wollte er bestätigen „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“. Seine dunkle Hornbrille unterstreicht seine markanten Gesichtszüge. Der blonde Kurzhaarschnitt lässt den 42-Jährigen dynamischer und entschlossenen wirken. Man könnte meinen Wunsch sei ein junger Doppelgänger Wolfgang Joops.
Seine Kunst: Feurig, leuchtend
Beim Gang nach oben in seine Galerie scheint seine schmale Silhouette die überdimensionale Steintreppe emporzuschweben.
An den Wänden im zweiten Stock hängen seine großformatigen abstrakten Gemälde: Ein Mix aus Gerhard Richter und Mark Rothko – feurig, leuchtend, inspirierend und auch atemberaubend. Diese Dimensionen, dieser Wirbel- wer sonst würde sich so etwas trauen? Plötzlich singt er „The way we were“ von Barbara Streisand. Mit einer Tenorstimme, die hell ist wie die eines Kindes. Dabei gleitet er über den Boden. So filigran und anmutig, dass einem Zweifel an seiner Echtheit kommen.

Farbrausch.
„Da war ganz viel Kraft in mir. Die musste raus“
Vor einem Bild, einem Farbenrausch aus Gelb, Rot, Grün und Blau bleibt er stehen. „Da war ganz viel Kraft in mir. Die musste raus. Die Entstehung eines Bildes ist wie eine Geburt für mich“, sagt er über sein Lieblingsbild. Wie fand er seinen Weg zur Kunst? Nach der Schule erhält er ein Stipendium für Musik, Schauspiel und Tanz an der Stella Academy in Hamburg und lernt sein Lampenfieber zu überwinden: „Das war mir zuerst alles so peinlich als Balletttänzer. Ich habe mich fast nackt in diesen Klamotten gefühlt und dann vor so viel Publikum.“ Nach der Zwischenprüfung springt er sofort in ein Taxi und fährt zum Flughafen. In Paris schlägt er sich eine Weile als Straßenkünstler durch. Dann studiert er Kunst und Anatomie in Wien.
Er fotografiert Claudia Schiffer und David Copperfield
Seine Lockerheit und Unbefangenheit erleichterte ihm den Zugang zu bekannten Promis und großen Stars: Als Fotograf begleitet er die Pariser Modenschauen von Yves Saint Laurent und Chanel, Als Portrait-Fotograf bekommt er unter anderem Claudia Schiffer und David Copperfield vor die Linse. Aber was treibt ihn wirklich an?
Sein Leben ist geprägt von religiösen Erfahrungen und einem Jahr im Ognissanti-Kloster in Florenz. „Ich wurde schon von den Mönchen in weiß eingekleidet ,“ erinnert er sich. Aber dann zog es ihn doch wieder zurück nach Hamburg. „Freunde und Familie haben mich immer zurückgebracht!“ Geblieben von dieser Lebensstation ist ein Faible für Choräle und auch für Altarbilder. Als Modeschöpfer designt er elegante Abendmode in seinem Atelier in Harvestehude. „Die Kunst soll einem Freude machen, einem gut tun. Ein Kleidungsstück soll die Schönheit der Person hervorbringen, die es trägt,“ erklärt er. Auf seinem Heimweg nach Eppendorf schlendert er regelmäßig durch den Neuen Wall – Hamburgs Luxus-Einkaufsmeile. Vor dem Schaufenster von Louis Vouitton bleibt er stehen: „Das Pop Art-Deko ist zwar gelungen, aber der Griff der Tasche ist viel zu hell,“ bemerkt er. Hier sucht und findet er jedenfalls seine Anregungen für neue Ideen . „Ich verändere meinen Fokus immer wieder und habe verschiedene Inspirationsquellen“.
Aber die Malerei bleibt das Zentrum seines Schaffens. „Die Malerei betrachte ich als Stamm des Baumes, von dem die Äste ausgehen.“ Während er durch die Straße flaniert, bleibt er immer wieder stehen und schaut konzentriert in die Fenster und singt dabei Lieder von Neil Diamond. Und wenn er Bekannte trifft, grüßt er sie mit einem euphorischen „Alles Liebe für euch!“ Es sind eben nicht nur seine Bilder, die voller Vitalität und exotischer Buntheit strahlen, auch Noah Wunsch strahlt eine enorme Lebenslust und Offenheit aus.

