Die Handy-Alleskönner sind wahre „Aufmerksamkeits-Absorbierer“, aber sie wecken auch eine Abenteuerlust ins uns, von der wir keinen blassen Schimmer hatten. „Geocaching“, ist als die Outdooraktivität von Nerds verschrien, aber eine App macht die Schatzsuche jetzt für Jeden möglich. Wie finde ich einen „Cache“ und wie fühlt es sich an, einen zu verstecken? Ein Selbstversuch.

Diese Kreuzung ist meine Kreuzung. Jeden Tag laufe ich hier vorbei und ich kenne jeden Winkel – dachte ich zumindest. Der Verkehr rauscht in den Ohren, trotzdem versuche ich mich zu konzentrieren. Seit einer halben Stunde gucke ich hinter jeden Busch und in jede Mauerritze.
N 053* 34,178 O 010* 01,686. So lauten die GPS Koordinaten meines ersten Caches, der nur 500Meter von meiner Haustür in Hamburg entfernt sein soll. Genau an meiner Stamm-U-Bahn-Station. Stand- und Zielort stimmen überein. Aber wo ist das Versteck? Langsam werde ich ungeduldig. Der „Cache-Owner“ hat einen Hinweis gespeichert: „In ca. 13m Höhe. No Risk. No fun. Eineurodreissig.“
Mein Objekt der Begierde muss sich auf der U-Bahn Brücke befinden. Mit den „Eineurodreissig“ ist wohl der Wert einer Bahnsteigkarte gemeint. Man kann aber nicht allen Informationen trauen – das Ticket kostet nur 30 Cent. Das Versteck muss älter sein.. Die Suche ist mit einem Schwierigkeitsgrad von zwei angegeben. Wie kompliziert mag die Suche dann bei einem Schwierigkeitsgrad von fünf sein? Kleine Plastikkapseln oder Kästchen dienen als Cache – wetterfest sollten sie sein. Auf der Brücke gleite ich mit meinen Fingern unter den Verstrebungen entlang. Und ja: Da ist was. Vorsichtig ziehe ich ein in graues Klebeband gewickeltes Döschen zwischen den Stäben hervor. Tatsächlich: Mein Herz klopft schneller. Ich bin aufgeregt wie früher bei der Schnitzeljagd.
Es ist Freitagabend, 18 Uhr. Züge fahren im Dreiminutentakt ein und der Bahnsteig ist voll von „Muggeln“. So heißen bei Eingeweihten die Nicht-Geocacher. Ist das deren Ernst? „Muggel“ wie die Nicht-Magier bei Harry Potter? Wie unkreativ, sich einfach bei bei einem Bestseller zu bedienen! Beim Öffnen des Caches darf man nicht gesehen werden, ein eisernes Gesetz unter Schatzsuchern. Ich blicke mich um und fühle mich dadurch noch auffälliger. Schnell öffne ich das Kästchen und finde ein daumengroßes „Logbuch“. Ich trage mich in die Liste von Suchern ein und spüre einen gewissen Stolz. Hier waren schon richtig viele. Bestimmt 50. Jeden Tag steige ich hier ein und aus. Schatzsucher sind mir hier noch nie aufgefallen. Ein Magnet an der Dose sorgt dafür, dass der Cache dort bleibt, wo er hingehört. Ich schiebe ihn wieder in sein Versteck. Mit dem Suchen und Finden habe ich sonst nicht so viel Glück. Selbst auf den simpelsten Strecken schaffe ich es, mich zu verlaufen. Ein echtes Erfolgserlebnis also.
Bis 2000 wurde das Navigationssystem GPS nur für militärische Zwecke genutzt. Als Bill Clinton es dann für die Allgemeinheit freigab, ahnte er wohl nicht, dass das auch der Beginn von „Geocaching“ sein würde, dem Hobby von mittlerweile fast vier Millionen Menschen, die weltweit auf Schatzsuche gehen.

Cache an der Mundsburg
„Auf dem Weg ins Theater schnell gehoben.“, lese ich im Logbuch. Früher machte man sich mit einem sündhaft teuren GPS-Gerät auf die Suche, jetzt geht das mal einfach so zwischendurch.
7,99 Euro kostet die „Geocaching App – ein Groundspeakprojekt“ – der Gegenwert eines Kinobesuchs, der mir das „Sofort-Abenteuer – überall“ verspricht. Mit ihr habe ich Zugriff auf knapp zwei Millionen sogenannte „Caches“ – „Geheime Lager“. Meine Eintrittskarte in die „Gemeinschaft von Familien, Schatzsuchern und naturverbundenen Abenteurern“, das zumindest verspricht mir die Beschreibung.
Seitenwechsel: Jetzt möchte ich selber einen Cache verstecken. Ein Marmeladenglas ernenne ich zu meiner Schatztruhe, aber was kommt hinein? Goldmünzen aus Schoko-Kaubonbon dürfen nicht fehlen – da meldet sich das Kind in mir. Außerdem ein Spruch: „Wir suchen niemals die Dinge, sondern das Suchen nach ihnen.“Die Schatzsuche stimmt philosophisch. Und ein Brief an meine Caching-Kollegen mit der Aufforderung, einen anderen Begriff für „Muggel“ zu suchen und diesen aufzuschreiben. Dann kommt noch das selbstgebastelte obligatorische Logbuch in das Glas – Papierstreifen, die mit einem Band zusammengehalten werden. Neben einem Baugrundstück werde ich fündig. Von der Betonmauer aus kommt man prima an die oberen Äste der Bäume. Mit einer dicken Schnur binde ich das Glas an einen Ast und taufe den Cache auf den Namen „Bienennest“. Keiner bemerkt mich, wie ich den Stamm umklammernd in der Baumkrone hänge. Alle „Muggel“ gehen blicklos vorbei.
Jetzt muss „Bienennest“ nur noch veröffentlicht werden. Aber die Geocaching-Seite weigert sich, meine Koordinaten zu erkennen und weist partout den „Tully Mountain“ in Irland als Ort meines Verstecks aus. Nein! Hamburg liegt nicht in Irland! Nach gefühlten drei Stunden in denen ich mir wünsche, dass auch ich mit Nerd-ähnlichen Fähigkeiten gesegnet wäre, gelingt es mir mit Hilfe eines Koordinaten-Converters, der Webseite klar zu machen, wo mein Cache zu finden ist. Aber zu früh gefreut. Am nächsten Tag werde ich per Mail dazu aufgefordert „Bienennest“ zu verlegen, der Cache würde nicht den Mindestabstand von 160 Metern zu anderen Schätzen einhalten. „Viele Grüße aus dem Land zwischen den Meeren.“ Ja, danke auch. „Bienennest“ muss also umpositioniert werden, und dann kann es bis zu einer Woche dauern, bis mein Cache veröffentlicht wird. Der Technik-Alptraum lässt meine „Cache-Owner“-Euphorie schwinden und meine Schokomünzen vergammeln.

