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Am Wochenende jagen wir auf dem Flohmarkt Vintage Sachen hinterher und anschließend hören wir Die Drei Fragezeichen zur Entspannung. Unsere Lebensmittel kaufen wir am liebsten im „Tante Emma Laden“. Das hat mehr Charme.  In der U-Bahn spielen wir mit unserem Gameboy und in den Sommernächten geht’s mit einem UKW-Empfänger ins Autokino. Was steckt hinter der „Retro-Welle“?

Vor einer Tankstelle aus den 50er Jahren tummelt sich eine Gruppe von Youngstern: Die Jungs tragen Dreiviertel-Hosen mit Unterhemd und Hosenträgern und dazu Elvis-Koteletten. Das Mädchen trägt einen Jeansrock, rote Ballerinas und dazu ein farblich passendes Haarband. Wenn man nicht genau wüsste, dass man sich im Jahr 2012 befindet, könnte man auch denken, man hätte eine Zeitreise ins goldene Zeitalter des Rock ’n‘ Roll gemacht.

„Die meisten unserer Tage sind damit gefüllt, Aktivitäten gefüllt, die nicht besonders wichtig sind. Einkaufen, zur Arbeit fahren, und so weiter. Nostalgie ist ein Weg für uns, in vergangene Erlebnisse einzutauchen, die für uns eine große Bedeutung haben und uns daran erinnern, dass unser Leben lebenswert ist.“, sagt der Sozialpsychologe Clay Routledge von der North Dakota University .

Die „Großtankstelle Brandshof“von 1953 in Hamburg zieht jedes Wochenende Hunderte Nostalgiker mit ihren Oldtimern an oder eben echte Rock n´ Roll-Fans. Jan de Boer und Alex Piatschek haben sie entdeckt und restauriert und dafür den „Fassadenpreis“ der Stadt Hamburg bekommen. Im „Erfrischungsraum“ wird man von Franzi im 50s Look bedient. Von der Kaffeekanne bis zur Blumenvase ist hier alles aus den 50er-Jahren. Fast 7000 Menschen „gefällt das“ bei Facebook.

Nostalgie kommt aus dem Griechischen, von den Wörtern „Nostos“ und „Algos“. Das Erste bedeutet Rückkehr, Letzteres steht für Leiden, Schmerz. Mit Nostalgie wurde früher ein krankmachendes Heimweh bezeichnet. Heute versteht man darunter eine wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten.

„Wenn ich groß bin, will ich ´nen Cadillac“

Es ist Sonntag Nachmittag. „Roland der Rentner“ hat seinen drei Meter langen Cadillac Coupe de Ville von 1960 auf das Tankstellengelände gefahren. Sichtlich stolz thront er in einem Klappstuhl vor dem lilafarbenen Geschoss. Er hat eine Glatze, einen grauen Bart und trägt ein wild gemustertes Hemd. „Ich habe früher viele solche Autos gesehen. Ich dachte immer: Wenn ich groß bin, will ich nen Cadillac.“ Vor 16 Jahren hat der 63-Jährige das Auto aus Arizona importieren und in Hamburg restaurieren lassen. Die Stoßstange wurde in Mexiko verchromt. Die Innenverkleidung stammt aus Schweden. Sein Kumpel Ronny, der daneben sitzt, ist traurig, dass sein Oldtimer in der Garage stehen muss: „Als Normalverdiener ist das ein hartes Stück Arbeit: Ein Kilometer kostet zwischen fünf und zehn Euro. Lohnen tut es sich nicht, aber es macht Spaß.“

„Rock ’n‘ Roller picken sich nur die schönen Seiten aus der vergangenen Zeit heraus“

Die Sozialpsychologin Susanne El-Nawab schreibt in ihrem Buch „Rockablities – Rock ’n‘ Roller – Psychobillies – Portrait einer Subkultur“ :

„Die meisten Rock ’n‘ Roller sagen, dass sie nicht wirklich gerne in den 50er Jahren gelebt hätten, weil sie die Freiheiten der heutigen Gesellschaft nicht missen möchten. Sie wissen, dass sie sich Bild von der Vergangenheit malen, indem sie sich nur die schönen Seiten dieser Zeit herausspicken. Aber das stört sie nicht, weil sie dort eine stilistische Epoche sehen, die ihrem Geschmack entspricht und in der noch andere Werte zählten.“

„Bei Elvis und Konsorten, da ging’s noch richtig ab!“

Um mit anderen Gleichgesinnten in auf der Tankstelle in „Alten Zeiten“  zu schwelgen, ist der 38-jährige Frank Jankowsky extra drei Stunden aus Diebholz angefahren. Für die passende Umgebung und das „Perfekte Auto“ scheuen Oldtimer-Liebhaber keine Kosten und Wege. Thomas Faerber hat seinen roten Nash Metropolitan von 1960 vor sieben Jahren in Florida gekauft und dann verschiffen lassen. „Die haben noch gelebt. Eine Art Aufbruchstimmung. Bei Elvis und Konsorten, da ging’s noch richtig ab!“, schwärmt er.

Nostalgikern wird auch vorgeworfen, aus der Gegenwart zu fliehen. Aber Rock ’n‘ Roller hängen nicht einfach nur einer vergangen Epoche hinterher: Der ZEIT-Journalist Paul Berg schreibt in seinem Artikel: „Wer sind die Tollen-Leute?“:

„Anfang der 50er Jahre kurz vor Elvis und lange vor den Beatles wurde mit dem Rockabilly all das erfunden, was wir heute unter Popkultur verstehen. Das verleiht den Leuten, die dieser Ära heute noch anhängen, einen gewissen Sonderstatus. Sie können mit Recht behaupten, nicht irgendeinem beliebigen Retro-Trend anheim gefallen zu sein: Sie huldigen immerhin dem Urknall der Popmusik.“

Auch Timo und Jessica kommen regelmäßig zur Oldtimertankstelle. Ihr Rock ’n‘ Roll-Look steht dem der kleinen Gruppe in nichts nach: Timos Haare sind zurück gegelt, er trägt Dreiviertel-Jeanshosen. „Mir gefallen vor allem die Formen, Farben und die Musik der 50er. Heutzutage sehen die Autos ja alle gleich aus“ sagt Timo. Jessica trägt einen kurzen Jeans-Rock, ihre Füße stecken in ampelroten Stoffschuhen. Um ihre rotgefärbten Haare hat sie ein Tuch im Leoparden-Look gewickelt. „Als ich jünger war hat mich das Buddy-Holly-Musical fasziniert. Backstreet Boys und der Scheiß haben mir nichts gebracht.“, erzählt Jessica, die regelmäßig Rock ’n‘ Roll tanzt. Ihr Lieblingsinterpret: Si Cranston.

Früher dachte man, dass das Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen einen krankhaften Charakter hätte. Aber Professor Routledge sieht das heute anders: Nostalgische Gedanken sind universell verbreitet. Sie geben unserem Leben im Hier und Jetzt Bedeutung. Wenn es uns nicht gut geht, dann sehnen wir uns nach den „Guten alten Zeiten“ -egal wo auf der Welt wir leben.“

Nostalgiker werten mit ihren regelmäßigen Zeitreisen ihre Freizeit auf, aber können trotzdem die Routine des Alltags bewältigen. Und sie gehen meistens lässig und selbstironisch mit ihrem Retro-Faible um. Ein bisschen Tagträumerei kann also nicht schaden.