Phantomschmerz

Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung wollen um jeden Preis unentdeckt bleiben –  aber ein Überleben ist nur mit fremder Hilfe möglich, erst Recht, wenn sie krank sind

100 000 Menschen leben illegal in Deutschland, davon 20 000 in Hamburg. Diese Menschen haben nicht nur keine Papiere, sondern auch keine Krankenversicherung. Eine Reportage über Menschen, die Hilfe brauchen und über Jemanden, der hilft.

Ein großer, schlanker Mann öffnet die Tür. Er trägt ein dunkelgrünes gestreiftes Hemd mit kurzen Ärmeln und hat kurze, graue Haare. Er trägt ein Namensschild mit der Aufschrift „Dr. Detlev Niebuhr“. Niebuhr ist Internist, was er hier im Hamburger Marienkrankenhaus tut, ist ungewöhnlich.

Alle drei Wochen, Dienstag vormittags, sitzt der Rentner in dem 12 Quadratmeter-Zimmer und behandelt hier ehrenamtlich Menschen, die krank sind und keine Versicherung haben, da sie sich ohne Papiere in Deutschland aufhalten. Der 67-jährige hält im Wechsel mit seinen beiden Kollegen die Malteser Migranten Nothilfe-Sprechstunde ab.

Ein Klopfen ist zu hören, dann betritt Sakou Bemba* das Zimmer. Dr. Niebuhr lächelt ihn an und schüttelt ihm die Hand, „How are you?“, fragt er den Liberianer, der schon oft hier war. Der Schwarze erklärt auf Englisch, dass er an Herzrasen leide, außerdem habe er öfters ein Flimmern vor den Augen. Der Liberianer trägt Leder-Latschen, aus denen seine Zehen vorne herausgucken und einen abgewetzten hellblauen Rucksack auf dem Rücken. Der Mediziner bittet ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, dann verschwindet er für einen kurzen Moment in dem kleinen Behandlungsraum, der an das Zimmer angrenzt und kommt mit einem Blutdruck-Messgerät zurück. Er legt es dem Patienten um den Arm. Es misst 200 zu 140. Ein horrend hoher Wert.

„Sein Patient hat einen so hohen Blutdruck, dass er auf keinen Fall transportfähig ist“

„Wie viel haben Sie noch von Ihren Medikamenten? Sie dürfen nicht vergessen, sie regelmäßig zu nehmen!“, sagt der Doktor. Sakou Bemba öffnet seinen Rucksack und zieht einen zerknitterten Zettel heraus. Auf dem Papier hat Niebuhr seinem Patienten genauestens notiert, wie viel dieser von welchem Medikament einzunehmen hat. „Haben Sie mit Ihrem Anwalt gesprochen?“, fragt der Mediziner interessiert und korrigiert die Angaben auf dem Zettel. „Yes. I got a Duldung“, antwortet sein Patient. Niebuhr nickt zufrieden. Der Liberianer hat einen so hohen Blutdruck, dass er auf keinen Fall transportfähig ist. Das hat auch der Doktor von der Ausländerbehörde festgestellt, der die Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung untersucht, bevor  sie abgeschoben werden sollen. Darauf hat der Arzt gehofft, die Gesetze kennt er ganz genau. Nun hat Sakou Bemba eine Duldung. „Im Falle einer Duldung stehen einem Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu“, erklärt der Mediziner. In drei Wochen wird der Liberianer wiederkommen, damit Niebuhr seine Werte korrigiert.

Seit drei Jahren arbeitet Dr. Niebuhr hier. Seitdem ist er im Ruhestand. Im Deutschlandfunk hat er einen Beitrag über die Einrichtung gehört und hat gleich gedacht: „Hier kann ich was Sinnvolles für die Leute tun. Medizinisch-wissenschaftlich ist es nicht sehr anspruchsvoll, aber ich empfinde es als sehr wichtig und angenehm.“ , sagt der Arzt, der seine Praxis früher in Elmshorn hatte.

Nach Niebuhrs Einschätzung kommen die meisten Menschen aus Schwarzafrika. „Sobald das Visum abgelaufen ist, und es nicht verlängert worden ist, sind die Menschen illegal hier.“,,sagt er. „Die Menschen sollen wissen, dass sie ohne Angst hierher kommen können“ betont der Arzt. Es klopft wieder an der Tür. Dann kommt ein  sportlich gebauter, junger Mann mit kurz geschorenen Haaren durch die Tür. Er sieht völlig gesund aus. „Ca va?“, begrüßt ihn der Arzt.

„Die Kosten für den Zahnersatz übernimmt das Amt aber nicht. Er kann ja noch essen, wenn auch nur Brei “

Die beiden unterhalten sich auf Französisch. Dem Algerier mussten mehrere Zähne gezogen werden. Die Zähne wurden ihm von einer Zahnärztin umsonst gezogen. Die 1000 Euro, die nun für den Zahnersatz fällig sind, übernimmt sie aber nicht. Die Malteser kommen in der Regel für die Hälfte der Behandlungskosten auf, die andere Hälfte muss der Patient selbst aufbringen. Im lebensbedrohlichen Notfall tritt das Sozialamt als Kostenträger ein. Die Kosten für den Zahnersatz des Algeriers übernimmt das Sozialamt aber nicht. Er kann ja noch essen, wenn auch nur Brei.

„Wenn sie keinen Namen sagen wollen, dann können sie irgendeinen Namen nennen “

„Die meisten Menschen, die hierher kommen, sind sehr dankbar. Aber bei dem Einen dachte ich „Du Schlitzohr du, du ziehst mich hier übern Tisch! Klimper hier und Klimper da. Und dann hat der auch noch mit einem I Phone in der Hand herumgewedelt!“, erzählt Dr. Niebuhr. Die Patienten können anonym bleiben. Wenn sie keinen Namen nennen wollen, dann können sie irgendeinen Namen nennen. Für die Kartei.

In seiner Freizeit joggt und wandert der Arzt. „Die Illegalen leiden unter einem enormen Stress, aber es geht ihnen hier besser, als in ihren Heimatländern“, so der Arzt. Und in drei Wochen wird der wieder hier sitzen und ihnen die Tür öffnen, weil er helfen will.